March 2011

FAZ 10. March 2011

Als Ergebnis unserer Reise für Journalisten im Januar diesen Jahres und pünktlich zur diesjährigen ITB ist nun ein lesenwerter Artikel in der Frankfurter Allgmeine Zeitung vom 10. März 2011 erscheinen.

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Seitenüberschrift: Reiseblatt
Ressort: Reiseblatt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2011, Nr. 58, S. R8


Bist du verhext, musst du zu den Pygmäen gehen
 
Kamerun ist ganz Afrika in einem einzigen Land. Alle Schönheiten der Natur findet man hier, aber auch alle Fährnisse des Lebens und manchmal sogar Rettung vor bösen Geistern.

Von Franz Lerchenmüller

Höchste Zeit für das Morgennickerchen. Gemächlich heben sich drei nassgraue Walzen mit Augenwülsten, winzigen Ohren und dicker Schnauze aus dem Fluss und stapfen die Sandbank vor der zerklüfteten schwarzen Felsmasse hoch. Der Rest der Verwandtschaft folgt. Unter Prusten und Schnauben und einer gelegentlichen brüllenden Explosion, als ob Dampf aus einem überhitzten Kessel abgelassen würde, schieben sich nach und nach fast ein Dutzend der kurzbeinigen Tonnen aufs Trockene. Dem mächtigen Chef scheint es Zeit für die Morgentoilette. Wie ein Propeller beginnt sein Stummelschwanz zu rotieren und verteilt das Ergebnis einer nahrhaften Nacht kleinteilig auf die Nachbarn, was wiederum bei Wildnisführer Amadou Bello einen Lachanfall auslöst. Die Flusspferde sind die Stars des Bénoué-Nationalparks im Norden Kameruns, und natürlich hat Bello eine ganze Reihe Geschichten auf Lager: wie kürzlich erst ein jähzorniger Elefant ein Flusspferdjunges zertrampelte; oder wie ein Koch des Camps Buffle Noir einst nachts unter Bäumen einem Bedürfnis nachgab und als er erleichtert aufsah, direkt in die Äuglein eines Hippobullen blickte, die Begegnung aber unter Zurücklassung seiner Hose glücklich überlebte.

Die Geschichten müssen es richten. Denn abgesehen von Hippos, Krokodilen und verschiedenen Arten von Antilopen machen sich Tiere aus Fleisch und Blut rar im Nationalpark: Giraffen? Die kommen erst wieder, wenn demnächst die Bäume austreiben. Löwen? Einige wurden vor drei Jahren mit Sendehalsbändern versehen, seitdem haben sich fast alle vergrämt ins Hinterland zurückgezogen. Elefanten? Auch die tauchen eher selten am Fluss auf, seit der regionale Herrscher Lizenzen für Goldsucher ausgibt. Tausend Menschen aus der Region und aus Mali und Nigeria versuchen seitdem ihr Glück mit Schaufel und Sieb - und bringen zu viel Unruhe in den Park.

Kamerun, das eineinhalb Mal so groß ist wie Deutschland, aber nur ein Viertel seiner Einwohner hat, gilt als "Afrika im Kleinen". Fast alle Elemente, die den Kontinent ausmachen, finden sich innerhalb seiner Grenzen: alte Mythen, eine bewegte Geschichte, Musik, Farbenpracht, die überbordende Pflanzen- und Tierwelt, die schier unglaubliche Zahl von zweihundertvierzig Völkern und Dialekten. Reserviert und herzlich zugleich ist Kamerun, abergläubisch und zukunftstrunken, grausam und überschwenglich. Selbst beim Ausmaß von Korruption und Bürokratie steht es exemplarisch für viele afrikanische Staaten. Immerhin ist es ein Land, das seine Bürger satt bekommt. Bettler sind hier fast so selten wie ausländische Touristen.

Auch landschaftlich ist Kamerun so etwas wie Afrika in einem Land. Den Osten und Süden bedecken die Regenwälder Zentralafrikas. Im Westen erhebt sich schroffes Bergland, wie häufig in Westafrika. Im Südwesten erstrecken sich Plantagen und Strände, die sich bei vielen Anrainern des Atlantiks finden. Und der Norden repräsentiert mit seinen Savannen die weiten Ebenen Ostafrikas. Hier weiden auf schütter mit Bäumen bestandenem Grasland knochige Rinder. Die Erde ist rot und staubig, die Hütten aus Lehmziegeln tragen Strohzipfelmützen. Die Region ist islamisch geprägt. Würdevolle Männer in weiten Gewändern, den Bubus, und Frauen in bunten Kleidern beherrschen das Bild in diesem Afrika fern der Hoffnungslosigkeit und Apathie. Mit großem Ernst führt ein zurückhaltender junger Mann in einem Dorf den künftigen Brunnen vor, an dem er mit neun Männern seit vier Tagen arbeitet. Fünf Meter tief ist die Röhre schon, etwa eineinhalb Meter im Durchmesser, und die Wände sind so sorgfältig abgestochen und gerundet, dass man meint, sie hätten Messer statt Schaufeln benutzt. Stolz zieht der Mann den Plan aus der Tasche, auf dem er seine Dreierteams in Schichten eingeteilt hat. Penibler geht kein deutscher Bauleiter vor.

Auch der Nachtzug, der von Ngaoundéré nach Süden fährt, ist ein Stück gesamtafrikanischen Alltags. Am Bahnhof verreist die halbe Welt, die andere Hälfte sucht nach Kunden: die Baraka, die Träger mit numerierten Leibchen, die Call-Box-Jungs, die Handys für Gespräche verleihen, die Verkäufer von Erdnüssen, Wasser und Papiertaschentüchern. Noch verzögert sich die Abfahrt, weil man wartet, bis ein paar Gläubige ihr Abendgebet verrichtet und den Teppich eingepackt haben. Die Schlafwagen der ersten Klasse führen Zweier- und Viererabteile, aber es ist immer noch eng und heiß genug, um keinerlei Luxusgefühle aufkommen zu lassen. Passagiere der zweiten Klasse verbringen die fünfzehn Stunden Fahrt stoisch auf Holzbänken.

Bald nach der Abfahrt klopft es. Ein Mann in Blau kündigt die Kontrolle der Fahrkarten an. Die übernehmen würdevoll der Kontrolleur und seine Assistentin in den weißen Hemden der Camtrail-Eisenbahngesellschaft. Drei Soldaten und Polizisten in grauer, schwarzer und grüner Uniform blicken herein und prägen sich die Gesichter ein - während der Nacht soll sich kein Unbefugter auf den Gängen aufhalten. Zwei Jungs in blauem Arbeitszeug bringen Klopapier und Seife. Der Schlafwagenschaffner schlendert vorbei. Die Abteilkellnerin fragt nach Essenswünschen: Huhn, Ziege oder Fisch? Im Speisewagen residiert der Fahrkartenverkäufer, der Oberkellner beschränkt sich aufs Kassieren, Süßigkeitenverkäufer füllen ihre Bestände auf. Wie viele Menschen hier arbeiten? Das wisse niemand genau, lacht die Kellnerin. "Der Zug ist doch viel zu lang."

Wie eine gewundene Lichterschlange rattern die zwei Dutzend Waggons durchs Dunkel. Undurchdringlich ist das Schwarz, nur manchmal wabert rote Lohe auf, ein Buschfeuer frisst sich durch das ausgedörrte Land. Kommt der Zug an einem der Bahnhöfe kreischend zum Stehen, erwacht die Nacht zum Leben. Frauen und Kinder laufen auf und ab und rufen ihre Schätze aus: Bananen, Avokados, Honig in Flaschen, gebratenen Fisch, Maniok in Bananenblättern, gebratene Schlangen. Ein Junge im Obama-T-Shirt sammelt leere Plastikflaschen, sein Freund im hochgeschlossenen Jackett hält Hühnermägen zum Fenster hoch. Dann rüttelt und ruckelt der Zug wieder an, ächzt mühsam und schlägt nach links und rechts aus, als kämpfe er darum, wenigstens einmal die ausgefahrenen Gleise zu verlassen und auszubrechen in die Freiheit der nächtlichen Savanne.

Von der Hauptstadt Yaoundé aus führt die Nationalstraße 4 in die Provinz Nordwest. Diesig ist es hier unten geworden, in den Tälern und an den Hängen der steilen Hügel wachsen Tomaten, Kartoffeln, Weißkohl und Mais. Wellblechdächer decken jetzt die Lehmhütten, Privatpaläste, groß wie Hotels, erstehen in Beton. Oft sind sie gekrönt von spitzen Pyramidendächern, die den Chefferien nachempfunden sind, den Herrschersitzen der Regionalfürsten.

Um zehn Uhr morgens wirkt der Markt von Makénéne, dem bevorzugten Rastplatz zwischen Yaoundé und Bamenda, noch ruhig und verschlafen. An den meisten Ständen bauen Frauen erst die Pyramiden mit Ananas, Maiskolben und Weißbrot auf. Doch ein paar Grillfeuer glimmen schon, Kochbananen und Yamswurzeln duften vom Rost, und auch die Frau mit dem Buschfleisch ist schon da: Gebratene Stücke von Antilope, Stachelschwein und Schuppentier hat sie heute in ihrer Schüssel. Plötzlich entflammt ein Wortgefecht: Ein Junge hat einen Fünftausend-Franc-Schein gefunden, umgerechnet knapp acht Euro, die Marktfrau, die mit Tomaten handelt, behauptet, er sei ihr aus der Tasche gefallen. Und wie aus heiterem Himmel ist die kleine Welt im nächsten Moment in Aufruhr. Frauen verlassen ihre Stände und laufen zusammen, zwei Lager bilden sich, scharf fliegen Argumente und wüste Beschimpfungen hin und her. Stimmen gellen und überschlagen sich, Männer schubsen einander, gleich wird die Situation eskalieren. In diesem Augenblick scheint es alles andere als ausgeschlossen, dass der Junge brennend in Autoreifen endet, wie es Dieben immer wieder passiert in Kamerun. Glücklicherweise zerrt jemand einen Polizisten herbei. Der entscheidet angesichts der Mehrheitsverhältnisse, dass das Geld der Frau zusteht, und langsam ebben die Wellen der Empörung ab.

In Bafut nahe Bamenda gibt sich der König höchstselbst die Ehre. Seine Majestät Fon Abumbi II, Oberhaupt des Bafut-Königreiches, dem einundsechzig Gemeinden angehören, begrüßt die Besucher aus Deutschland im prachtvollen Ornat, begleitet von seinen Frauen Nummer zwei und vier. Und der joviale Mitsechziger lässt es sich auch nicht nehmen, die Gäste persönlich durch die Palastanlage zu führen. Schließlich hat die Deutsche Botschaft in Yaoundé einiges an Francs beigesteuert, mit denen das ehemalige Gästehaus umgebaut und 2006 als Museum wiedereröffnet werden konnte.

So freundlich ging es nicht immer zu zwischen den beiden Völkern. Ende des neunzehnten Jahrhunderts rückten die Deutschen von Douala, wo sie mit König Bell einen ihrer Schutzverträge geschlossen hatten, nach Norden vor. Die Bafut unterwarfen sich nicht, sondern kämpften bis 1910; in jenem Jahr wurde der Großvater des heutigen Königs auf der Insel Bota eingesperrt. Ihre Waffen gaben sie erst ab, als die Deutschen Abumbi I zurückholten und den abgebrannten Palast wieder aufbauen ließen. "Deutsche Architektur", sagt der König und zeigt auf die gebrannten Ziegel, mit denen die einundvierzig Gebäude errichtet wurden. Der Grundriss der Anlage blieb der alte.

Im Museum sind die Säbel und Büchsen der deutschen Truppen neben den Giftpfeilen und Speeren ausgestellt, mit denen die Bafut sich verteidigten. Zwei weiß gefleckte Holzstatuen mit gebleckten Zähnen, beide nackt, eine mit Hut, stellen den deutschen Geschäftsmann Eugen Zintgraff und seine Frau dar. Sie kamen 1889 in die Gegend und waren die ersten Weißen, die die Bafut je sahen. Fotos zeigen Abumbi I. vor dem Achum, dem hohen, dunklen Haus der Vorfahren, im Kreise seiner barbusigen Frauen. Auch der Achum wurde originalgetreu wieder aufgebaut, und wenn Abumbi II sich dort zwischen den geschnitzten Pfosten huldvoll zum Foto stellt, sieht das nicht viel anders aus als vor über hundert Jahren, nur dass Königin Dora und Königin Constance sich ordentlich in Schale geworfen haben. Acht eigene Frauen hat der König heute, sechzehn musste er von seinem Vater übernehmen. "Einfach ist das nicht", seufzt er zum Abschied. "Aber die Tradition will es so."

Jetzt fehlen in Kameruns Klein-Afrika-Puzzle nur noch der Süden und der Osten des Landes mit den großen Wäldern. Nahe Lolodorf, das von den Deutschen nach dem Häuptling Loulou benannt wurde, führt von der Straße aus ein Fußweg in den Regenwald. Rundum sind ausladende Kronen, verzweigtes Geäst, Baumfarne, Lianen und Bromelien zu einem schwer durchdringlichen Gewirr verwachsen. Knappe zwei Stunden dauert der Anmarsch, dann sind Trommeln zu hören. Die Pygmäen, die im Walddorf Mougui wohnen, gehören zum Volk der Bakuda. Doch keine Zwerge warten zwischen den Lehmhäusern. Die stämmigen Männer und Frauen, die den Besuchern die Hand schütteln, sind überwiegend zwischen einem Meter sechzig und siebzig groß. Sie tragen buntgeblümte afrikanische Kleider und Jeans, Jacken aus Ballonseiden und T-Shirts mit "Gothic"- oder "DLRG"-Aufdruck - was westliche Kleiderspenden eben so hergeben. Eine Adidas-Badekappe und eine bolivianische Wollmütze sind auch dabei.

Ein paar Frauen nehmen die Gäste in ihre Mitte. Am Bach zeigen sie, wie sie einen Damm aufschütten und aus dem trockenfallenden Bachbett mit einer Schüssel die Fische herausschöpfen. Ein junger Mann baut aus Ästen und Draht in Windeseile eine Tierfalle, ein Alter, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, führt seine Armbrust vor. Doch er trifft mit dem Giftpfeil die aufgestellte Papaya auch dann nicht, als er bis auf drei Meter herangeht - ein Anlass für größere Erheiterung.

Die Nacht bricht herein, vier Petroleumlampen erleuchten das Abendessen. Zum Fisch mit Tomate, Zwiebeln und Pfeffer gibt es Maniok. Das lokale Extra des Tages, das geschmorte Fleisch des Chat-tigre, einer Waldkatze, schmeckt stark nach Wild. Die Männer des Dorfes essen anderswo, geblieben sind einige, die sie deutlich überragen. Sie sind Bantu, stellt sich heraus, und hierher gekommen, um Heilung zu finden. Was ihnen fehlt, verraten sie nicht. Aber einer erzählt, dass die Pygmäen von Mougui berühmt dafür sind, unfruchtbaren Paaren zu helfen und Menschen zu heilen, die verhext wurden. Das Leben in Mougui ist alles andere als ein Naturidyll. Der Anblick der Lumpen, der aufgedunsenen Kinderbäuche und der Plastiktütchen, aus denen Schwangere Biligwhisky saugen, zeigt drastisch, dass der Spagat zwischen Zivilisation und ursprünglichem Leben nicht so recht gelingt. Und doch scheint es, als würden die Menschen zumindest in dieser Nacht sich selbst wiederfinden.

Mittlerweile geht eine Greisin herum und schenkt jeder Frau einen Schnaps ein. Langsam spielen sich die zurückgekehrten Trommler warm, während die Frauen ihre Klangstöcke auf den Bambusstamm, hinter dem sie sitzen, knallen lassen. Allmählich bildet sich ein Rhythmus, findet sich wie von selbst eine mehrstimmige Melodie. Immer drängender, immer lauter geht es voran, und plötzlich schwingen sich aus dem schwarzen Wald zwei Tänzer in die Mitte. Sie tragen Tücher und Grasröcke, Blättermasken und spitze Mützen aus Palmwedeln. Mit Schellen um die Knöchel stampfen sie auf den Boden, treten in die Luft, wirbeln im Kreis und werfen sich unvermutet in den Staub - der Heilungsritus hat begonnnen. Das Stakkato der Schlaghölzer und das dumpfe Wummern der Baumtrommeln treibt sie an, weiter, immer weiter, aber erst im Morgengrauen werden sie Kräuter und Blätter über die Patienten streuen und sie von ihren bösen Geistern erlösen.

Die Besucher taumeln irgendwann todmüde in ihr Zelt. Der Rhythmus aber begleitet sie durch die Nacht, wie der Widerhall eines Afrika, das sie längst verschwunden glaubten. Und das es hier in Kamerun doch immer noch gibt.

Kastentext:

Nichts, was es nicht gibt

Einreise: Für die Einreise benötigt man einen noch mindestens sechs Monate lang gültigen Pass, eine Bescheinigung über eine gültige Gelbfieberimpfung und ein Visum, das online auf der Website der kamerunischen Botschaft in Berlin (Telefon: 030/89068090) beantragt werden kann: www.ambacam.de.

Beste Reisezeit: Im Süden Trockenzeit von November bis Februar, leichter Regen von März bis Juni. Regenzeit von Juli bis Oktober mit hoher Luftfeuchtigkeit. Im Norden Trockenzeit von Oktober bis Mai.

Veranstalter: Kamerun-Reisen haben verschiedene deutsche Veranstalter im Programm. Informationen über Verlauf, Termine und Preise findet man im Internet unter www.afrigoo.de, www.africontours.de, www.afrikareise.de, www.diamir.de, www.eberhardt-travel.de, www.hauser-exkursionen.de, www.ikarus.com, www.karawane.de und www.travel-and-personality.de

Information: Kamerunische Tourismusinformation, c/o Loewen-Touristik, Rottes 115, 41564 Karst, Telefon: 02131/3845356, E-Mail: info@loewentouristik.de, Internet: www.loewentouristik.de
 
 

Bildunterschrift: Es kann nur einen geben: König Fon Alumbi II., der Herrscher von Bafut, vor seinem Kulthaus

Fotos Markus Kirchgessner

Es ist Platz für alle - vorausgesetzt, man scheut sich nicht vor menschlichem Kontakt.


 
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